Bist du Lerche, Taube oder Eule?

Bist du Lerche, Taube oder Eule?

Manche Menschen sind morgens sofort da. Klar im Kopf, ansprechbar, leistungsfähig. Andere brauchen Zeit. Und wieder andere werden erst am Abend richtig wach. Das ist kein Charakterzug, kein Trainingszustand und auch keine Frage der Disziplin. Unterm Strich ist es einfach Biologie, mehr nicht. 

Genauer gesagt, steckt hinter diesen Unterschieden der sogenannte Chronotyp. Er beschreibt, wie deine innere Uhr tickt und wann dein Körper am liebsten schläft, wach ist und Leistung bringt.

Was mit Chronotyp gemeint ist

Der Chronotyp beschreibt die zeitliche Lage deiner inneren Uhr. Entscheidend ist dabei nicht, wann du ins Bett gehst, sondern wo die Mitte deines Schlafs liegt. Also der Zeitpunkt genau zwischen Einschlafen und Aufwachen, wenn du ohne äußeren Zwang schlafen kannst.

Diese innere Taktung steuert nicht nur den Schlaf. Sie beeinflusst auch Wachheit, Konzentration, Leistungsfähigkeit und Müdigkeit im Tagesverlauf. Deshalb fühlen sich identische Tagesabläufe für verschiedene Menschen völlig unterschiedlich an.

Um Chronotypen greifbar zu machen, haben sich Bilder etabliert:

  • Lerchen stehen für frühe Chronotypen
  • Eulen für späte Chronotypen
  • Tauben für die große Mitte dazwischen

Wichtig ist: Das sind keine festen Kategorien. Chronotypen liegen auf einem Kontinuum. Wie du der oberen Abbildung entnehmen kannst, sind die meisten Menschen weder extreme Lerchen noch ausgeprägte Eulen, sondern irgendwo dazwischen. Übrigens: Die Taube ist dabei kein eigener biologischer Typ, sondern ein Bild für intermediäre Chronotypen. Sie gelten oft als „normal“, weil sie am ehesten zu klassischen Arbeitszeiten passen. Das macht sie aber nicht zum Maßstab für alle. Wenn du deinen genauen Chronotypen herausfinden möchtest, kann ich dir den MEQ-Test empfehlen.

Chronotypen verändern sich

Der Chronotyp ist nicht lebenslang gleich. Sie verändern sich im Lauf des Lebens. Kinder sind biologisch eher früh getaktet. Mit Beginn der Pubertät verschiebt sich der innere Rhythmus deutlich nach hinten. Viele Jugendliche werden abends später müde, unabhängig von ihrem Verhalten oder ihrer Disziplin. Bei jungen Erwachsenen erreicht diese Verschiebung oft ihren Höhepunkt. Erst mit zunehmendem Alter rückt der Schlaf-Wach-Rhythmus allmählich wieder nach vorn.

Diese Entwicklung ist gut untersucht und erklärt, warum frühe Schul- oder Arbeitszeiten in bestimmten Lebensphasen besonders schlecht zur inneren Uhr passen.

Wachheit und Müdigkeit im Tagesverlauf

Wachheit verläuft nicht linear. Auch bei ausreichend Schlaf gibt es im Tagesverlauf typische Hoch- und Tiefphasen. Ein bekanntes Beispiel ist das Mittagstief, das unabhängig von Mahlzeiten auftreten kann.

Entscheidend ist: Diese Phasen liegen je nach Chronotyp zu unterschiedlichen Zeiten. Was für die eine Person ein produktiver Vormittag ist, fühlt sich für die andere zäh an.

In der Schlafmedizin spricht man hier von Vigilanz, also dem Grad der Wachheit und Aufmerksamkeit. Auch dieser ist chronotypabhängig. Leistung ist damit nicht nur eine Frage von Schlafdauer, sondern von Timing.

Wenn Chronotyp und Alltag nicht zusammenpassen

Problematisch wird es, wenn Menschen dauerhaft gegen ihre innere Uhr leben müssen. Frühe Startzeiten, lange Pendelwege und starre Termine können dazu führen, dass Schlaf regelmäßig verkürzt oder verschoben wird.

Was daraus entsteht, ist kein neues Thema, sondern eine Folge davon. Wenn Chronotyp und soziale Anforderungen dauerhaft kollidieren, spricht man von sozialem Jetlag. Wenn dich das Thema näher interessiert, findest du dazu einen eigenen Artikel in unserem Feder & Kern-Schlafmagazin: Sozialer Jetlag: Leben gegen die innere Uhr. 

Fazit

Ob Lerche, Taube oder Eule: Dein Chronotyp ist eine biologische Ausgangslage, kein Makel und kein Vorteil an sich. Wer ihn kennt, versteht besser, warum sich bestimmte Tageszeiten leicht oder schwer anfühlen. Das Ziel ist nicht, den eigenen Rhythmus zu optimieren. Es ist, ihn ernst zu nehmen.

 


Quellen

Roenneberg T., Wirz-Justice A., Merrow M. (2003).
Life between clocks: daily temporal patterns of human chronotypes.
Journal of Biological Rhythms, 18(1), 80–90.

Roenneberg T., Merrow M., Vetter C. (2019).
Chronotype and social jetlag: a (self-)critical review.
Clocks & Sleep, 1(1), 54–65.

Crowley S. J., Acebo C., Carskadon M. A. (2007).
Sleep, circadian rhythms, and delayed phase in adolescence.
Sleep Medicine, 8(6), 602–612.

Fischer D., Lombardi D. A., Marucci-Wellman H., Roenneberg T. (2017).
Chronotypes in the US – Influence of age and sex.
PLoS ONE, 12(6).

Roenneberg T., Allebrandt K. V., Merrow M., Vetter C. (2012).
Social jetlag and obesity.
Current Biology, 22(10), 939–943.

Weiterlesen

Sozialer Jetlag: Leben gegen die innere Uhr

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.