Orthosomnie: wenn Schlaftracking zum Problem wird

Orthosomnie: wenn Schlaftracking zum Problem wird

Du wachst auf und fühlst dich eigentlich okay. Nicht überragend, aber solide. Dann schaust du aufs Handgelenk. 72 Punkte. „Unruhig.“ „Zu wenig Tiefschlaf.“

Und plötzlich ist aus „okay“ ein Problem geworden.

Das ist der Moment, in dem Schlaftracking kippen kann. Nicht weil Technik grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil wir ihr oft die falsche Rolle geben. Ein Tracker kann Hinweise liefern. Aber er kann dich auch von deinem eigenen Körpergefühl entfremden.Cedric Mohnen

Warum wir Schlaf so gern messen wollen

Schlaf ist seltsam. Du kannst ihn nicht direkt steuern, aber er entscheidet mit darüber, wie du dich am nächsten Tag fühlst. Also suchen wir nach Kontrolle. Zahlen geben das Gefühl, dass etwas Objektives da ist. Eine Bewertung, ein Verlauf, ein Hebel? 

Das Problem ist nur: Schlaf ist kein Schrittzähler. Schlaf ist ein Zustand, der sich nicht sauber in eine Punktzahl pressen lässt, ohne dass dabei viel Interpretation passiert.

Was Schlaftracker wirklich messen und was sie nur schätzen

Die meisten Tracker messen keine „Schlafqualität“. Sie messen vor allem:

  • Bewegung (Actigraphy)
  • Herzfrequenz
  • teils Herzratenvariabilität (HRV)
  • manchmal Temperatur oder Sauerstoffsättigung, je nach Gerät

Aus diesen Signalen berechnen Algorithmen dann: „du schläfst“, „du bist wach“, „das war REM“, „das war Tiefschlaf“.

Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Aber es ist auch keine direkte Messung deines Gehirns. Der Goldstandard für Schlafstadien ist weiterhin eine Polysomnographie mit EEG. Genau das hat dein Gerät nicht. Die Schlafstadien sind deshalb immer eine Modellrechnung. Mal besser, mal schlechter. Und je nach Firmware-Update kann sich das Ergebnis ändern, ohne dass du irgendetwas anders gemacht hast...

Wie genau sind diese Geräte?

Hier lohnt ein nüchterner Blick.

Viele Wearables sind ganz ordentlich darin, „Schlaf“ vs. „Wach“ grob zu unterscheiden, vor allem wenn du insgesamt gut schläfst. Schwieriger wird es bei:

  • ruhigem Wachliegen (du liegst still, bist aber wach)
  • Schlafstörungen
  • unruhigem Schlaf
  • exakten Schlafstadien (Leichtschlaf, Tiefschlaf, REM)

In Studien, die Geräte direkt gegen Polysomnographie testen, schwankt die Genauigkeit bei Schlafstadien ziemlich. Das heißt nicht, dass Tracker wertlos sind. Es heißt nur: Du solltest ihre Zahlen nicht so behandeln, als wären sie Laborwerte.

Der entscheidende Punkt: Die Zahl am Morgen verändert dein Erleben

Wenn du nach einer Nacht aufwachst und eine App sagt dir: „schlecht“, dann passiert etwas Psychologisches. Du beginnst, deinen Tag durch diese Linse zu interpretieren. Du suchst nach Beweisen: Konzentration weg, Stimmung flach, Kaffee wirkt nicht.

Schlaf ist stark von Erwartung geprägt. Und wer jede Nacht bewertet, lebt schnell in einem Dauer-Feedback-Modus. Genau das kann Schlaf schlechter machen, weil Schlaf kein Bereich ist, der unter Beobachtung besser wird (bitte merken!).

Mittlerweile gibt es sogar einen Begriff dafür: Orthosomnie

In der Schlafmedizin gibt es dafür einen Begriff: Orthosomnie. Gemeint ist die Fixierung auf „perfekten Schlaf“ durch Tracking, verbunden mit Anspannung, Grübeln und Kontrollverhalten. Menschen ändern dann ihre Abende nicht, weil sie müde sind, sondern weil sie „die Zahlen“ verbessern wollen. Und verlieren damit genau das, was Schlaf braucht: Loslassen. 

Das gilt nicht für jeden, der ein Wearable trägt. Es ist ein Muster, das bei manchen entsteht. Und wenn du es einmal gesehen hast, erkennst du es sofort.

Wann Schlaftracking wirklich hilfreich ist

Aber, wie wir alle wissen, die Teile können auch nützlich sein, aber nur dann, wenn du sie als das nutzt, was sie sind: ein grobes Messinstrument für Muster.

Hilfreich kann Tracking sein, wenn du damit:

  • deinen Schlafrhythmus über Wochen beobachtest (nicht über Nächte)
  • merkst, wie stark Alkohol, spätes Essen oder Schichtwechsel dich beeinflussen
  • erkennst, dass du regelmäßig zu kurz schläfst, obwohl du dich „durchziehst“
  • Veränderungen nachvollziehst, wenn du an einer Stellschraube drehst

Ein Tracker ist gut im Erkennen von Trends. Nicht im Urteil über eine einzelne Nacht.

Die American Academy of Sleep Medicine formuliert das sinngemäß sehr klar: Consumer Sleep Tech kann nützlich sein, aber sie ersetzt keine Diagnostik und sollte nicht als medizinisches Messgerät verstanden werden. 

Und wenn ich wirklich das Gefühl habe, ich schlafe schlecht?

Dann gilt: Tracker-Daten können ein Hinweis sein, aber sie sind nicht die Diagnose.

Wenn du über Wochen merkst:

  • du bist tagsüber stark beeinträchtigt
  • du liegst regelmäßig lange wach
  • du wachst häufig auf
  • oder du hast Atemaussetzer, starkes Schnarchen, morgendliche Kopfschmerzen

Dann ist der richtige Schritt eine professionelle Abklärung.

Fazit

Schlaftracking ist weder Heilsbringer noch Unsinn. Es ist ein Werkzeug. Und wie bei jedem Werkzeug entscheidet die Haltung darüber, ob es dir dient oder dich stresst.

Wenn du dadurch Muster erkennst, super. Wenn du dadurch beginnst, dich selbst zu verunsichern, ist das kein persönliches Versagen. Dann hat das Tool gerade zu viel Macht bekommen.

Schlaf ist keine Punktzahl. Schlaf ist ein Prozess. Und dein Körper ist am Ende die bessere Instanz als jede App. Und damit: Gute Nacht, ob mit Tracker oder ohne.  

 


Quellen

Baron K. G., Abbott S., Jao N., Manalo N., Mullen R. (2017).
Orthosomnia: Are Some Patients Taking the Quantified Self Too Far?
Journal of Clinical Sleep Medicine, 13(2), 351–354.

Khosla S., Deak M. C., Gault D., et al. (2018).
Consumer Sleep Technology: An American Academy of Sleep Medicine Position Statement.
Journal of Clinical Sleep Medicine, 14(5), 877–880.

de Zambotti M., Cellini N., Goldstone A., Colrain I. M., Baker F. C. (2019).
Wearable Sleep Technology in Clinical and Research Settings.
Medicine & Science in Sports & Exercise, 51(7), 1538–1557.

Chinoy E. D., Cuellar J. A., Huwa K. E., et al. (2022).
Performance of Four Commercial Wearable Sleep-Tracking Devices Tested Under Unrestricted Conditions.
Nature and Science of Sleep, 14, 493–516.


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